Mental Health Blogbeitrag

Mental Health Blogbeitrag

Der mutigste Satz meines Lebens hatte drei Wörter 

Ein Gastbeitrag von Manuel Meyer über Panik, Scham und warum Schweigen niemanden rettet. 

Der Abend, an dem ich auf eine Pizza gewartet habe 


2019, ich war 23. Ich saß mit zwei Freundinnen auf meiner Couch. Wir hatten Pizza bestellt und warteten. Ein paar Stunden vorher im Gym, beim Kreuzheben, hatte ich schon so ein komisches Gefühl, das ich weggeschoben habe, weil man das so macht. Dann kam sie. Das Herz raste, die Luft wurde weniger, alles in mir hat geschrien, dass ich gerade sterbe. Ich war zu hundert Prozent überzeugt: Herzinfarkt, hier, auf dieser Couch, mit 23. Und weißt du, was ich gemacht habe? Ich habe die beiden nach Hause geschickt. Ich habe die ganze Nacht wach gelegen. Allein. Freiwillig. Weil mir der Gedanke zu sterben weniger Angst gemacht hat als der Gedanke, dass mich jemand so sieht. Um genau diesen Satz geht es in diesem Text. Kurz darauf kam Corona. Auf meine Angst zu sterben und meine Hypersensibilität, die ich dadurch entwickelt hatte oder endlich wahrgenommen habe, man kann es sehen wie man will, kam zusätzlich noch die weltweite Massenpanik und die Medien die das ganze bis ins letzte gepusht haben.

Was die Panik aus meinem Leben gemacht hat 

Aber mein Gehirn hat in dieser Nacht etwas gelernt, das die nächsten Jahre bestimmen sollte: Warten ist gefährlich. Denk mal drüber nach wie oft wir als Menschen am Tag auf irgendetwas warten. Friseur? Warten. Tätowierer? Warten. Restaurant, bis das Essen kommt? Warten. Auf eine Nachricht, auf einen Rückruf, auf einen Termin? Warten. Spülmaschine, Waschmaschine – warten. Ich bin jedes einzelne mal davon gestorben. 

Dann passierte etwas völlig unerwartetes. Meine Beziehung ist zerbrochen, nach sieben Jahren. Nicht weil einer den anderen betrogen hätte, sondern weil ein Leben, in dem nichts mehr geht – kein Ausflug, keine Reise, kein Restaurant –, irgendwann niemand mehr mit dir teilen kann. Fast gleichzeitig habe ich meine 2 besten Freunde an Kokain verloren. Ich habe das mal so beschrieben: Ich hätte meine Freundin gebraucht, um über den Verlust der Freunde hinwegzukommen. Und die Freunde, um über den Verlust meiner Freundin hinwegzukommen. Ich hatte beides nicht mehr. Ich habe meine Wäsche ein Jahr lang von Hand in der Badewanne gewaschen. Ein ganzes Jahr. Weil ein Waschgang 90 Minuten dauert und ich diese 90 Minuten nicht ausgehalten habe. Von außen hat man davon nichts gesehen. Ich war jeden Tag im Gym, tätowiert, durchtrainiert, „der Typ, bei dem alles passt". Der ehrlichste Satz über diese Zeit ist der hier: Mein ganzes Äußeres und wie gut ich angeblich aussehe war im Prinzip nur eine Darstellung davon, wie kaputt ich innen drin war.


Zu dieser Zeit war auch Corona Impfpflicht ohne die du gar nichts mehr tun durftest in Österreich. Also hatte ich weder eine Partnerin, noch Freunde, keinen Ausgang, kein Gym. Absolut nichts mehr!! Irgendwo in dieser Zeit war ein Punkt, an dem ich nicht mehr wollte. Der Tod hat sich für mich auf einmal sehr befriedigend angefühlt. Ich schreibe das so nüchtern hin, wie ich es meine: Ich bin von einem Suizidversuch bis hierher gekommen. Ich erzähle das nicht, weil es dramatisch klingt oder weil ich Mitleid möchte, sondern weil irgendwer, der das gerade liest, an genau diesem Punkt steht und überzeugt ist, der Einzige auf der Welt zu sein, dem es so geht. Bist du nicht. Ganz sicher nicht. 

Warum wir nicht reden – und was uns das kostet 

Ich bin in einer Welt groß geworden, in der man so etwas nicht sagt. Aufgewachsen im Hotel meiner Eltern: materiell hatte ich alles, gemeinsame Zeit fast nie. Ich habe ein Fahrrad bekommen, aber niemand hat mir beigebracht, Fahrrad zu fahren. Danach Maurerlehre, danach Bundesheer. Zwei Welten, in denen „Mir geht es nicht gut" ungefähr so gut ankommt wie unsere beschissenen Politiker bei der Bevölkerung. Die Lektion, die fast jeder von uns irgendwann gelernt hat, lautet: Schwäche zeigen heißt angreifbar sein. Also tarnst du dich. Du wirst witziger, lauter, sarkastischer, fitter. Du baust dir eine Fassade, die so gut ist, dass niemand dahinter schaut – und dann stehst du hinter dieser Fassade und fragst dich, warum dich eigentlich niemand sieht. Hier ist, was ich in sechs Jahren gelernt habe: Verstecken kostet mehr Kraft als Zeigen. Jeden einzelnen Tag. Du trägst zwei Dinge gleichzeitig, die Angst und die Arbeit, sie zu verbergen. Und die zweite ist die schwerere. Der Moment, in dem ich das erste Mal ausgesprochen habe, dass es mir nicht gut geht, hat nichts von mir weggenommen. Er hat mich nur sichtbar gemacht. Und sichtbar ist die einzige Position, aus der dir überhaupt jemand helfen kann.

Zu seinen Schwächen zu stehen ist keine Schwäche 

Ich hebe 160 Kilo vom Boden. Ich habe in meinem ganzen Leben für nichts so viel Überwindung gebraucht wie für den Anruf bei einem Therapeuten. Gewichte sind ehrlich: Sie geben nach, wenn du stärker wirst. Scham funktioniert genau andersherum. Je länger du sie trägst, desto schwerer wird sie. Um Hilfe bitten heißt: zugeben, dass du es allein nicht schaffst. Genau deshalb ist es mutig. Nicht trotzdem – deswegen. Jeder, der schon mal in einem Wartezimmer gesessen ist und aufgestanden ist, als sein Name aufgerufen wurde, weiß, dass das eine größere Nummer ist als jeder Wettkampf, in dem du dich jemals beweisen könntest. Ich habe Therapie gemacht. Ich nehme bis heute ein Medikament. Ich bin nicht „geheilt" und werde das Wort auch nie benutzen. Ich habe eine Ausbildung im Mental Coaching gemacht, mit Schwerpunkt Psychologie und Neurobiologie, und bin kurz vor dem Abschluss an genau der Krankheit gescheitert, um die es ging: Ich habe den letzten Prüfungstag wegen einer Panikattacke verpasst, und der Nachholtermin war zu weit weg, um hinzufahren. Das ist keine schöne Pointe. Aber es ist eine ehrliche, und ehrlich ist mir wichtiger. Heute kann ich wieder warten. Alles davon. Friseur, Restaurant, Waschmaschine, Leben. Geblieben ist das Wegfahren. Meine Grenze liegt gerade bei Feldkirch, und ich schiebe sie Stück für Stück weiter, indem ich genau das tue, wovor ich Angst habe: hinfahren, aushalten, wiederkommen, nochmal. So lange, bis die Strecke langweilig ist. So funktioniert ein Gehirn. Es lernt um. Aber nur, wenn du hingehst. 

Warum ich das zu meiner Lebensaufgabe gemacht habe 

Wenn ich ganz ehrlich bin: Ohne diese Jahre wäre ich heute ein anderer Mensch. Ein schlechterer. Ich war vorher oberflächlich, geldgetrieben, arrogant und habe komplett an mir vorbeigelebt. Die Panik hat mir alles weggenommen, was nicht echt war. Übrig geblieben ist die Erkenntnis, dass es am Ende nur um eines geht: dass da ein Mensch ist, mit dem man die kurze Zeit auf diesem Planeten verbringen darf. Alles andere ist Deko.

Deshalb rede ich heute öffentlich darüber. Auf Instagram, in meinen Videos, hier. Nicht, weil ich mich gern zur Schau stelle, sondern weil ich jede Woche Nachrichten von Menschen bekomme, die schreiben: „Ich dachte, ich bin der Einzige, dem es so geht." Das ist der Punkt. Die Panik allein macht dich nicht kaputt. Die Einsamkeit damit macht dich kaputt. Das Gefühl, dass du irgendwie falsch konstruiert bist, während alle anderen ihr Leben hinbekommen. Ich kann niemandem seine Angst wegnehmen. Aber ich kann dafür sorgen, dass sie niemand allein aushalten muss. Das ist es, was ich mit dem Rest meines Lebens machen will. 

Was du heute tun kannst 

Wenn es dir schlecht geht: Sag es einem Menschen. Einem. Heute. Du musst es nicht gut formulieren und nicht begründen. „Mir geht es gerade nicht gut" reicht vollkommen. 
Wenn dir jemand auffällt, der sich verändert hat: Frag zweimal. Das erste „Alles gut?" wird mit „Ja" beantwortet, immer. Das zweite ist das, an das sich Leute Jahre später erinnern. 
Wenn dir jemand etwas anvertraut: Nicht reparieren. Keine Tipps, keine Vergleiche, kein „Andere haben es schlimmer". Zuhören und dableiben. „Ich bin da" schlägt jeden Ratschlag. 
Wenn es zu groß ist für Freundschaft: Hol dir professionelle Hilfe. Das ist kein Scheitern, das ist Handwerk. Du gehst mit einem gebrochenen Arm auch nicht zu deinem besten Freund. 
Und wenn du gerade niemanden hast, dem du schreiben könntest: Schreib mir. Instagram: @_manuelmeyer_ 
Ich lese alles und ich antworte. Ich habe genug Nächte allein auf einer Couch verbracht, um zu wissen, wie viel eine einzige Antwort wert sein kann. Du bist nicht schwach, weil du kämpfst. Du bist stark, weil du es immer noch tust. 

Wenn du akut nicht mehr weiterweißt, ruf an. Kostenlos, anonym, rund um die Uhr: Österreich: Telefonseelsorge 142, für junge Menschen Rat auf Draht 147 Deutschland: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 Schweiz: Die Dargebotene Hand 143 In akuter Gefahr: Notruf 144 bzw. 112.